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Die ungarische Sprache III.

blume und bombe in sprechblasen

Wortschatz, Höflichkeitsformen und Fluchen im Ungarischen

Wortschatz

Gemessen an den Wortstämmen ist der Wortschatz des Ungarischen zu 21% finnougrischer Abstammung – wo aber entgegenzuhalten ist, dass heute nur von 400 bis 450 Wortstämmen die finnougrische Herkunft zu behaupten ist. Beispiele dafür sind víz, vér und fej, deren indoeuropäische und türkische Verwandtschaft festgestellt wurde. Auf die finnougrische Verwandtschaft weisen auch die Wörter kettő, három, négy hin – wobei egy, hat, hét und tíz nicht. Daneben findet man im Ungarischen zahlreiche iranische, turksprachige, slawische, lateinische, deutsche, französische, italienische, englische und türkische Wörter.

Höflichkeitsformen

Die ungarische Sprache kennt eine Vielzahl von Grußformen. Manche Grußformen gehen auf die KuK-Monarchie oder noch früher zurück (Kez(e)it (kezét) csókolom ausKüss die Hand). Mit der vollständigen Form begrüßen nur Männer – vor allem unbekannte – Frauen. Erwachsene Frauen verwenden die Kurzform csókolom aber auch nur mit wesentlich älteren Personen.

Die allgemeine, offizielle, formelle Begrüßung sind die auf die Tageszeit bezogene Formen Jó reggelt! Jó napot! Jó éjszakát! Höflicher ist wenn man hinzufügt: kívánok. Szia oder szervusz sind unter Familienangehörigen, Freunden, Jugendlichen gebräuchlich; wobei letztere unter sich viele, aus Fremdsprachen übernommene Formen verwenden (hello, ciao). Diese sind sowohl zum Begrüßen als auch zum Abschiednehmen gebräuchlich. Zum Verabschieden ist formell Viszontlátásra! (Auf Wiedersehen!) oder am Telefon am Radio, Viszonthallásra! (Auf Wiederhören!) angemessen. Viszlát! bzw. Viszhall! sind die informellen Varianten.

Für das Siezen kennt die Sprache mehrere Formen. Die Pronomen maga und Ön (Mehrzahl: maguk, Önök) verhalten sich wie die 3. Person, und das Prädikat ist 1. Person Singular oder Plural, je nachdem ob man eine oder mehrere Personen anspricht.

Das Siezen mit Ön ist nicht ausfällig aber distanziert, zu offiziell und geht daher zurück; auch Ladenverkäufer Duzen Käufer häufig, vor allem wenn sowohl Verkäufer als auch Käufer jung sind. Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich auch Eheleute (tagsüber) gesiezt. In der Provinz haben Kinder bis in den 1960-er Jahren ihre Eltern und Großeltern überwiegend gesiezt. Schwiegereltern werden mancherorts sogar bis heute gesiezt.

Es gibt ausserdem die Form tetszik, mit dem Kinder Erwachsene beehren sollen, z.B.: Le tetszik ülni? (Mögen Sie sich hinsetzen?)(das Hilfsverb tetszeni wird in Zeit, Modus und Zahl konjugiert, das andere Verb steht in Infinitiv).

Eltern bezeichnen vor ihren Kindern andere Erwachsene häufig als néni und bácsi: Köszönj szépen a néninek/bácsinak! Kinder fügen der Vornamen bekannter Erwachsenen das Wort néni oder bácsi zu, zum Beispiel: Zsuzsa néni, Józsi bácsi. Jugendliche wenden néni oder bácsi nur auf alte Lehrer an, Lehrer und Lehrerinnen jungen oder mittleren Alters werden tanárúr bzw. tanárnő genannt, was auch mit dem Nachnamen gebräuchlich ist. Eine kürzere, vertrauensselige Form von bácsi ist . Erwachsene Männer sagen älteren Männern, oder im Fall vertraulicher Beziehungen und am Dorf bátyám.

Die ungarische Sprache verwendet die östliche Namensreihenfolge, d.h. vorne steht der Familienname, gefolgt von Vorname(n). Der Grund dafür ist das von indoeuropäischen Sprachen abweichende Genitivkonstrukt. Beispiel: Szabó János

Fremde Namen hat man bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts einmagyarisiert (Beispiel Verne Gyula), aber heute behält man die ursprüngliche Namensreihenfolge (Jules Verne).

Früher nahm die Ehefrau nach Eheschließung den Namen des Ehemannes mit der Endung -né auf sich, aber in der Familien-, Freundeskreis wurde weiterhin der Vorname verwendet. Beispiel: wenn Halász Júlia von Szabó János geehelicht wurde, wurde sie Szabó Jánosné oder Szabó Jánosné Júlia oder auch Szabóné Júlia.

Bis in den 2000-er Jahren behielten hochqualifizierte Damen (wie Schuldirektoriennen, Politikerinnen, Amtsträgerinnen) jedoch AUCH ihre Geburtsnamen. Diese Form hat Hochachtung eingefordert. Beispiel: Szabóné Halász Júlia

Zunehmend beliebt wird die Verwendung des Schemas [Familienname des Mannes Bindestrich Familienname der Frau, Vorname]. Beispiel: Szabó-Halász Júlia

Zu Zeiten des Sozialismus war die offizielle Ansprache die Wortverbindung Familienname + elvtárs(nő) [Genosse, Genossin].

Mit der Wende wurde elvtárs vom Úr bzw. Kiasasszony / Asszony abgelöst. Im Fall von Frauen wurde versucht die Form Úrhölgy einzuführen, und vereinzelt findet man sie in offiziellen Briefen wieder, der Sprachgebrauch hat sie aber nicht aufgenommen.

Fluchen, Obszönität

Die ungarische Sprache ist reich an Fluchwörtern und Ausdrücken, aber in den Fluchen werden Gott und Namen von Heiligen und Heiligtümer mit verschiedenen neutraleren Wörtern ersetzt z.B.

Der Grund dafür ist die Vermeidung von Beleidigung und Skandal. Auch nicht-religiöse Fluchausdrücke werden mit Euphemismen verharmlost, z.B.

Obszöne Ausdrücke spielen auf Ausscheidung, Geschlechtsorgane und auf den Geschlechtsakt selbst. Von daher stammen Ausdrücke übertragenen Sinnes: das Wort anyád ist Teil einer Wortverbindung, welche die krasseste Beleidigung ist [zu Deutsch Hurensohn].

Die beiden Gruppen werden gewöhnlich nicht voneinander abgesondert und auch Obszönität (trágárság) wird als Fluchen (káromkodás aus dem einstigen istenkáromlás, zu Deutsch: Gotteslästerung) bezeichnet. Das meistgenutzte Füllwort (Bazmeg!) stammt auch aus dem des Geschlechtsakts. Häufig werden grobe Ausdrücke mit milderen, aber ähnlich klingenden ersetzt (wie etwa Basszus!).

Solche Ausdrücke sollte man generell nicht wortwörtlich übersetzen, weil jede Sprache ihr eigenes Arsenal hat.

Interessant: Lingvopedia der Europäischen Kommission: Übersicht über das Ungarische

Quelle: 'Magyar nyelv' auf der ungarisch-sprachigen Wikipedia

Lesen sie die beiden anderen Teile unserer AAA-Ungarisch-Reihe:

Ungarisch I. Geschichte, Dialekte und Einfluss des Ungarischen

Ungarisch II. Schrift, Phonetik und Grammatik des Ungarischen

Ungarisch III. Wortschatz, Höflichkeitsformen und Fluchen im Ungarischen

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